Verschwörungsmythen & Extremismus in Podcasts

Bild des Reichstags - Extremismus in Podcasts

Donald Trump wurde von Twitter gebannt, die Plattform Parler aus den großen App Stores entfernt und der Messenger Telegram könnte bald folgen. Die Löschungen sind das Resultat aus langanhaltenden Diskussionen um Meinungsfreiheit und Zensur. Nun rücken auch Podcasts ins Zentrum dieser Debatte.

Extremisten und Verschwörungsanhänger schaffen sich online Räume für Desinformation und Lügen, das ist bekannt. Bei einem angemessenen Umgang damit scheiden sich hingegen die Geister. Sollten sie aus dem öffentlichen Diskurs gestrichen werden, um ihren Behauptungen keine Bühne zu bieten? Oder sollten sie viel mehr mit Argumenten der Vernunft konfrontiert werden?

Extremismus in Podcasts breitet sich aus

Wie AP meldete, gab es extremistische amerikanische Podcaster, die den Sturm auf das Capitol befürwortet haben sollen. Trumps Gegner sollten „entfernt“ werden, denn seine zweite Amtszeit stehe bald an, so die Podcaster. Zudem sollen sie Corona-Verschwörungen und Wahlfälschungsbehauptungen verbreitet haben. Auch in Deutschland bedienen sich Verschwörungsideologen, rechte Parteien und Verdachtsfälle des Verfassungsschutzes bereits dem Medium Podcast.

Wie umgehen mit extremistischen Podcasts?

2020 gründeten Mitglieder eines nachweislich rechten Vereins einen Corona-Podcast. Vordergründig ging es dabei nur um die Coronakrise. Dennoch sammelte eine Petition gegen den Podcast rund 8.000 Stimmen und forderte von Spotify die Löschung. Die Motive der Petitionsunterzeichner sind edel – man wollte vorsorglich verhindern, dass Extremisten sich einen unverfänglichen Weg in die Mitte der Gesellschaft bauen, den sie hinterher für ihre Botschaften missbrauchen könnten. So weit, so gut. Doch reicht es bereits, wenn ein Podcast von den „falschen“ Leuten kommt, um ihn zu löschen?


Doch reicht es bereits, wenn ein Podcast von den „falschen“ Leuten kommt, um ihn zu löschen?

Spotify entschied sich gegen eine Löschung. Man habe den Podcast auf seinen Inhalt geprüft und keinen Verstoß gegen die Nutzungsrechte finden können, so Spotify. Das zeigt, dass Spotify in seiner Argumentation auf die Inhalte des Podcasts zielt und nicht, wie von den Aktivisten gewünscht, auf die Akteure. Auf Facebook und Instagram sind die Profile des extremistischen Vereins indes gesperrt worden.

Wie umgehen mit extremistischen Podcasts? Einige Argumente

Für manche Beobachter stellen die Löschungen von Akteuren, Organisationen oder gar ganzen Plattformen eine längst überfällige Rückkehr zur bürgerlichen Ordnung dar. Sie halten es für unverantwortlich, potenziell schädliches Gedankengut frei zugänglich im Netz zu lassen.

Für andere Beobachter sind Löschungen eher kontraproduktive Maßnahmen. Sie sehen in ihnen eher Zensur und eine Aushöhlung der Meinungsfreiheit. Zudem befürchten sie, dass Extremisten und Verschwörungsanhänger so wieder die Möglichkeit erhalten könnten, sich als Opfer vermeintlicher Unterdrückung darzustellen.

Entwicklung des Extremismus in Podcasts

Während über Extremismus auf Twitter, Facebook oder in Telegramgruppen schon viel bekannt ist, scheint er in Podcasts ein noch recht neues Phänomen zu sein. Die Diskussion über einen geeigneten Umgang damit knüpft nahtlos an die vorherigen Diskussionen an. Doch wieso taucht das Phänomen gerade jetzt auf und was ist bereits bekannt?

Podcasts unterlagen seit ihrer Erfindung immer wieder Beliebtheitsschwankungen, sie werden auch Podcastwellen genannt. Aktuell sind sie beliebter denn je und erreichen mehr Menschen als jemals zuvor. Kaum verwunderlich also, dass auch Exstremisten und Verschwörungsideologen versuchen, das Medium für ihre Zwecke nutzen. Zudem werden Podcasts in der Regel eigenständig produziert. Das gibt den Podcastern die Freiheit, ihre eigenen Thesen unwidersprochen auszubreiten, ohne sich kritischen Gegenfragen, beispielsweise von Journalisten stellen zu müssen. Behauptungen, die keiner Überprüfung standhalten würden, können so publiziert und vervielfältigt werden.

So erreichen Verschwörungsideologen und Extremisten ihre Hörer und können ihre Botschaften platzieren.

Weiterhin sind Podcasts ein sehr intimes Medium, denn der Host ist allein mit dem Hörer. Podcaster können durch gekonnten Einsatz ihrer Stimme gezielt parasoziale Beziehungen aufbauen und Vertrauen schaffen. Eine vertraute Stimme hat eine erheblich stärkere emotionale Wirkung als beispielsweise eine weitergeleitete Telegramnachricht. So erreichen Verschwörungsideologen und Extremisten ihre Hörer und können ihre Botschaften platzieren.

Tweets sind schnell gelesen, Podcasts dauern mitunter mehrere Stunden. Die extremistischen Botschaften stecken häufig zwischen den Zeilen, sind subtil versteckt hinter Themen wie Sicherheit, Heimatliebe oder Umweltschutz. Podcasts bieten praktisch unbegrenzten Raum, die eigenen Botschaften zu wiederholen. Oft sind auch nicht einzelne Aussagen direkt menschenfeindlich, sondern der Extremismus ergibt sich erst aus dem Gesamtkontext.

Extremismus in Podcasts – Also einfach löschen?

Wenn Inhalte offensichtlich rechtswidrig sind, ist die Frage nach Löschung nicht schwer zu beantworten. Doch selten machen es die extremistischen Absender es den Kontrollinstanzen so leicht. Gerade im Umfeld von Extremismus, Hetze und Diskriminierung werden die Worte möglichst nah an der Grenze des gerade noch sagbaren platziert („Das wird man jawohl noch sagen dürfen!“).
Aber auch möglichst vage Aussagen sind ein beliebtes Stilmittel, beispielsweise wenn es bei Verschwörungsideologen um „die da oben“ geht. Wer genau „die“ sind, bleibt dabei offen. Rein rechtlich sind sie also schwer anzufechten, selbst wenn sie moralisch, sittlich und menschlich die Grenzen deutlich überschreiten.

Wie immer, wenn Probleme bekannt werden, gilt es einen geeigneten Umgang zu finden. Genau so wenig wie Computerspiele jede Jugendgewalt erklären können, sind Podcasts nun das designierte Medium von Verschwörern und Extremisten. Dennoch ergeben sich Fragen, denen die Podosphäre und die Gesellschaft sich perspektivisch stellen müssen:

  • Sollten schwierige Inhalte entfernt werden oder zum Gegenstand gesellschaftlicher Diskussion gemacht werden?
  • Wer soll über Löschungen entscheiden – sind es Aktivisten, Plattformen oder der Gerichte?
  • Welche Kriterien sollen den Löschungen zugrunde liegen?
  • Sollte auch ohne Straftatbestand gelöscht werden? Reichen zur Löschung bereits bereits unpopuläre Meinungen oder Verwendung unliebsamer Sprache?
  • Auf wen sollten Löschungen zielen, auf Inhalte oder auf Personen und Organisationen?
  • Es wird bereits über die Gefahr durch Telegram diskutiert, weil Extremisten und Kriminelle den Dienst benutzen. Folgt bald analog dazu die Diskussion über die Gefahr durch Podcasts?

Für diesen Kommentar haben wir bewusst auf die Nennung oder Verlinkung einzelner Akteure verzichtet. Wir laden alle Leser herzlich dazu ein, ihre Meinung zu den offenen Fragen zu diskutieren.

Über Steffen Wrede

Ich heiße Steffen und bin frisch gebackener Chefredakteur bei podcast.de. Seit meinem Journalismusstudium interessiere ich mich für alle Themen rund ums Podcasting und werde sie hier mit euch teilen. Bei Fragen erreicht ihr mich jederzeit unter steffen(at)podcast(punkt)de.
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2 Antworten zu Verschwörungsmythen & Extremismus in Podcasts

  1. Stefan sagt:

    Liebes Podcast.de-Team
    Wie steht ihr selbst zum Löschen solcher Podcasts? Seht ihr das als sinnvoll an, oder haltet ihr das auch für kontraproduktiv?
    Viele Grüße
    Stefan

    • Hallo Stefan,

      das Thema ist tatsächlich schwierig und häufig vom Einzelfall abhängig. Bei offensichtlich falschen, rechtswidrigen oder gefährlichen Inhalten behalten wir uns natürlich das Recht zur Löschung vor. Bei allem, was nicht in diese Kategorie fällt, versuchen wir der Meinungsfreiheit Vorrang zu gewähren. Insgesamt würden wir uns aber eine breite Debatte des Themas in der Gesellschaft wünschen.

      LG, dein podcaster.de-Team

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